Blick in die Glaskugel

Lustiges, Sinnloses, labern eben.
IronChris
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Registriert: Sa 16. Okt 2021, 14:58

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von IronChris »

Glaskugel - Abspann

235 Tage.
38956 km - Gaia GPS zeigte jeden Tag eine leichte Abweichung an, aber die Ténéré hat immer Recht.
18 Länder.
Wie viele Sprachen, das möchte ich nicht Differenzieren, und Ethnien möchte ich auch nicht zählen.
Außer ein bisschen Glück bringender Erde aus Lalish, eingewickelt in einen Stofffetzen, habe ich nichts materielles mit nach Hause gebracht.

Menschen, wie überall, von jeder Sorte und meistens gut. In Bosnien oder Iraq oder im Pamir oder einem Touristrand am Yssyk Köl: Ein paar wenige Dummköpfe, und viele, bei denen ein Lächeln als internationale Sprache anerkannt ist. Sei es das Militär, halbnomadische Hirten, die Bedienung bei einem staubigen Truck-Stop, oder andere Reisende.
Und einige, die ich meine Freunde nenne und ganz sicher wieder sehen werde.

"Die Straße ist lang - aber die Welt ist klein"

Kratzer in der Jacke, Löcher in der Hose, der Helm mit Macken und einem Riss, Handschuhe ganz starr vom vollgeschwitzt werden, Stiefel bequem aber nicht mehr ganz wasserdicht.

2,5 reifen hinten, 1,5 vorne.
Ein Schlauch vorne.
Ein Spiegel.
Zwei Blinker (beide vorne links).
Bremsbeläge noch die vom ersten Reisetag.
Zwei Koffer - nie wieder Koffer.
Die Arrow-Tröte angepasst an den Gepäckträger und dem Bremssattel.
Ein Loch im LiMa-Deckel, eine LiMa.
Einige Kratzer, einige Dellen.
Das super tolle YSS seit Kazakhstan frei von Öl, und ich hab einige Lager im Fahrwerk im Verdacht nicht mehr ganz bei Laune zu sein.
Drei Mal Öl gewechselt, Ventile zwei Mal kontrolliert.
Ein leichter Dachschaden bei mir, etwas mehr Rost an Mensch und Maschine.

Unzählige Male hingefallen, umgefallen, dumm gefallen, ein Mal in Kirgizstan in ein Auto reingerasselt, einmal ist mir ein türkisches Mopped rein gefahren. Nie ernsthaft weh getan. Ohne den Transport übers Kaspische mit zu zählen stand oder lag die Maschine drei Mal auf einer Ladefläche.

LuFi immer wieder Mal gereinigt, Vergaser nie geöffnet während der Reise (Schwimmernadel hat wohl etwas mit Dreck zu kämpfen, Vergaser tropft ein wenig nach dem Abstellen - kann man perfekt mit leichtem Geklopfe auf den Gaser stoppen).

Einen in-line Benzinfilter braucht man nicht, die Kiste schluckt alles, und der Filter sorgt nur für Probleme (zumindest ein günstiges Exemplar aus Papier).

Ölverbrauch am Anfang (bei knapp 90.000 km) kaum wahrnehmbar, mittlerweile ganz grob um die 0.4 l .
Aber entgegen jeder Annahme: die Kiste läuft gut, sie läuft wirklich noch gut! Ich denke ein frischer LuFi und eine Vergaserreinigung tut wohl, aber seitdem ich wieder super tanke, ist der Motor garnicht schlecht.

Zwei liebende, die nicht mit und nicht ohne einander mehr können...
Jetzt weiß ich nicht genau, was ich machen soll mit meiner Rih, meiner "Katastrophen-", dann Abenteuer- und später Bring-mich-nach-Hause-Maschine. Ich sehe drei Optionen:

1 - ich mache sie schön sauber, belasse sie genau so wie sie ist und hänge sie an die Wand in mein persönliches Museum.
2 - ich mache sie schön sauber. Bringe sie in das Tal jenseits von Murghob, gebe ihr einen Klaps auf den Tank und flüster ihr zu "du bist frei".
3 - ich mache sie schön sauber und fange einfach an, sie wieder frisch zu machen. Einfach weiter machen.

Wenn man monatelang mit so einer Maschine unterwegs ist, alles Besitz genau da steht und alles was man kann daran geknüpft ist, möchte man nicht mehr, dass irgendjemand anderes sie berührt.

Jedenfalls wird SIE ein paar Tage nicht bewegt, ich muss erstmal ankommen...
Die neue kurdische Batterie abklemmen, und was mach ich des Rostes wegen mit dem Tank? Mit Diesel ausspülen... Oder einfach offen an einem belüfteten Ort stehen lassen.
Mal sehen wann ich Lust habe, mich dem zu widmen.

Nichtsdestowenigertrotz muss ein neues Pferd in den Stall. Entweder was modernes, mit Leistung und gutem Fahrwerk (Husqvarna 701...?), oder halt was vernünftiges (2kf, 34l...).

Auf jeden Fall ist es immer gut, für eine Reise in entlegene Gegenden vorbereitet zu sein ;)

Ach: ich bin kein Experte im Thema Motorradreisen, der XT-technik oder Zentralasien, ich hab nur mal einen Einblick bekommen - und es ist gut gelaufen. Ich bin kein Profi, ich kenn nur meine eigene Route. Aber wenn ihr Fragen oder weiteres Interesse gibt, können wir das hier gerne fortführen :)


Tesekkürler, Rachmat.
Salam
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Anfang des 21. Jahrhunderts las ich viel und versuchte jede freie Minute Motorrad zu fahren...

IronChris
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Registriert: Sa 16. Okt 2021, 14:58

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von IronChris »

Die Route, grob.
Jede Farbe (sofern erkennbar) ist ein anderer Tag
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XTsucher
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Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von XTsucher »

Cool, dann lagen alle Unkenrufer falsch. Man kann. Like.
Grüße, Frederik - der 1VJ fährt.
Original ist schön und gut - ich fahre lieber
50.523 km
Projekt 2024: FAHREN! FAHREN! FAHREN!

lowrider82
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Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von lowrider82 »

Danke für das Resümee!

Mein Vorschlag, was du mit der Guten machst: technisch fit machen und dann fährst du zu deinem Lieblingsort bzw. Lieblingsmenschen, den du auf der Reise kennenlerntest und lässt sie dort. Dir hat sie auf deiner Freude bereitet und jetzt kann sie einen anderen glücklich machen.

Straßenschrauber
Beiträge: 642
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Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von Straßenschrauber »

IronChris hat geschrieben:
Mi 8. Nov 2023, 12:36
Auf jeden Fall ist es immer gut, für eine Reise in entlegene Gegenden vorbereitet zu sein ;)
~-o|-

IronChris
Beiträge: 196
Registriert: Sa 16. Okt 2021, 14:58

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von IronChris »

...und es ist nie vorbei!
Seit gestern bin ich also doch Besitzer einer 34L ❤️
Die wird MURGHOB getauft und bekommt den Motor einer anderen 3AJ, die ich für eine eventuelle Proliferation von Ersatzteilen gekauft habe. Den Kabelbaum nehm ich mit, Mal sehen was das für eine Arbeit wird.

Salam, liebes Forum
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Ich denk mein Leben geht in die richtige Richtung
Ich denk mein Leben geht in die richtige Richtung
Anfang des 21. Jahrhunderts las ich viel und versuchte jede freie Minute Motorrad zu fahren...

Henning34L
Beiträge: 182
Registriert: Do 11. Feb 2021, 12:45

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von Henning34L »

Hallo Chris,
ich war auch schon in Murghab mit meiner 55W. Deine Tour ist toll und Deine Berichte auch. Deshalb möchte ich Dich etwas unterstützen und biete Dir an Deinen Vergaser, der scheinbar nicht mehr auf der Höhe ist, für lau zu überholen.
Gruß Henning

puki
Beiträge: 135
Registriert: So 22. Apr 2007, 10:44

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von puki »

Servus,

danke für deine Berichte und deine Bilder und vor allem für deinen Mut (oder Unbekümmertheit 8-) ) einfach los zu fahren!

Und ja, man kann mit der Tenere (noch immer) sehr gut reisen, und auch Abenteuer erleben, sogar ungewollt :roll: , aber wenn das Ausgangsmaterial
halbwegs passt funktioniert das schon.
Und Glückwunsch zur 34L! Hab auch zuerst die 3AJ (allerdings als 500er) gehabt, und dann mußte es eine 55W sein :mrgreen:
Aber bleib beim Originalmotor, oder schau ob du einen 2KF Motor findest, der passt einfach besser als der breite( und schwerere) 3AJ Motor.

Gruß, Simon
55W;3DT;2RX;55A

IronChris
Beiträge: 196
Registriert: Sa 16. Okt 2021, 14:58

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von IronChris »

Hey puki,

Gerne gerne, danke für eure Aufmerksamkeit ;)
Ich denke mit immer, mit jedem Motorrad kann man im Prinzip immer alles machen. Ist nur eine Frage der Bequemlichkeit, und der Zuverlässigkeit - wozu natürlich auch die Einfachheit in Wartung und Reparatur gehört. Aber durchaus ist eine XT eine der besten Wahlen, na klar! Damals wie heute.
Danke für die Glückwünsche! Aber sag, wieso sollte ich beim schmalen Motor bleiben? Der breite ist nicht nur gerade verfügbar, sondern auch erwiesenermaßen zuverlässiger was das Getriebe anbelangt, sofern ich weiß. Umbau ist natürlich bissl Aufwand, aber schrauben tut man ja auch gern...

Henning: tja, wer ins Pamir kommt, kommt auch durch Murghob. Da hatte ich auch länger bleiben können. Und in Khorog könnt ich auch ne Weile leben :)
Dank für dein Feedback und ja, sehr gerne gehe ich auf dein großzügiges Angebot ein! Ich meld mich die Tage gerne Mal bei dir ;)

Liebe Grüße und Salam
Anfang des 21. Jahrhunderts las ich viel und versuchte jede freie Minute Motorrad zu fahren...

cr6
Beiträge: 19
Registriert: Sa 2. Sep 2023, 21:30

Re: Blick in die Glaskugel

Beitrag von cr6 »

IronChris hat geschrieben:
Do 30. Nov 2023, 14:22
...Aber sag, wieso sollte ich beim schmalen Motor bleiben? Der breite ist nicht nur gerade verfügbar, sondern auch erwiesenermaßen zuverlässiger was das Getriebe anbelangt, sofern ich weiß. Umbau ist natürlich bissl Aufwand, aber schrauben tut man ja auch gern...
Wenn man keinen Orginalitätsfetischismus hat sind die späteren Motoren auf jeden Fall sinnvoller.

Das 34L Gehäuse bietet an der Kurbelwelle die eher ungünstige Kombination aus "kleinem und großem" Kugellager und zusätzlich nur den dünnen Gußlagergassen.
Die wurden nicht grundlos technisch verbessert in den Nachfolgemodellen.
Auch die Bauart der Verschraubung vom Zylinderkopf zum Zylinder ist später deutlich besser.
Von der Ölpumpe und dessen Ölzufuhr zum Getriebe mal ganz abgesehen usw.

Hab das in der Art evtl. auch irgendwann mal vor/"zu tun".

Muss man nicht, kann man aber machen.
Und wenn mans kann, hält das auch länger als vorher. ;)

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