Sezierung eines 101.000 km-Motors
Verfasst: Di 13. Nov 2012, 10:04
Meine „tägliche Tenere“, eine 55W, die ich am meisten benutze und liebe, hatte 101.000 km auf dem Tacho, wovon ich 90.000 km gefahren bin. Der Motor war bis dahin „mechanisch“ ungeöffnet, d.h. es wurde nur einmal die Zylinderfußdichtung gewechselt und bei ca. 85.000 km die Lima, auch ist das 2. Kickstartergelenk verbaut. Es war Zeit für eine kleine Motorenrevision, da das Getriebe ein Lied gesungen hat, aber nicht, was jeder nun denkt: der 5. Gang, nein, es war der Schwarzwaldgang = 3. Gang. Ich fahre viel im Schwarzwald und da ist das der Gang, der meistens gebraucht wird, warum: raus aus der Ecke, kurz den 2. Gang ausdrehen, dann den 3. Gang ausgedreht, vielleicht kurz den 4. rein, dann kommt fast immer schon die nächste Kurve. Die anderen km habe ich in längeren Urlaubsfahrten in den Osten (Rumänien, Moldavien, Ukraine, und baltische Staaten) gemacht, oder auf Autobahnetappen zurück aus dem Schwarzwald, da rollt man im 5. Gang mit bis zu 130 km/h, aber das ist vollkommen unproblematisch.
Der Motor an sich war in Ordnung, etwas Kolbenklappern, ca. 1/3 Liter Ölverbrauch und Vmax fast noch erreicht, aber Vmax ist vollkommen unwichtig. Was fand ich bei der Zerlegung vor und was wurde ausgetauscht, wir beginnen oben:
- Zylinderkopf: alles top, nur reinigen, nichts eingelaufen, Ventile reinigen und leicht einschleifen, mehr nicht!
- Zylinder und Kolben: im Mittel ca. 0,15 mm Spiel rundum. Verschleißmaß laut Yamaha ist 0,10 mm, aber die ist eher dem Umsatz von Yamaha geschuldet als technischer Natur. Kolbenbolzen ganz leicht eingelaufen. Wurde alles wieder eingebaut.
- Steuerkette: Der Spanner hatte noch 5 Klicks bis zur ganz ausgefahrenen Position, wieder eingebaut
- Kurbelwelle: vollkommen ok, wurde wieder eingebaut
- Ruckdämpfer der Ausgleichswelle: hier waren 2 Federn gebrochen, sie lagen unten im Motor, die Federn wurden ausgetauscht, Rest wieder einbaut
- Kupplungskorb und Beläge und Primärantrieb: alles vollkommen o.k., wurde wieder eingebaut (zur Klarstellung, das sind die ersten Kupplungsbeläge!)
- Lima: o.k., wieder eingebaut, Rotor sowieso
- Getriebe: 3. Gang total am Ende, 4. Gang auch kariös, deshalb wurden der 3. und der 4. Gang gegen gebrauchte gute Zahnräderpaare getauscht. 5. Gang (jetzt wird es spannend!) hatte nur ganz leichte Pittings, wurde wieder eingebaut. Abtriebswelle Grobverzahnung, vollkommen o.k., wurde wieder eingebaut. Schaltgabeln usw. sowieso o.k.
- Gehäuse: die beiden Hauptlager der Kurbelwelle waren zu groß, die Außenringe hatten sich gedreht. Beide Lager einkleben, das geht einige Zeit gut, soll aber nicht dauerhaft halten, mein Freund hat diese Erfahrung gemacht. Ich habe mal die Wärmedehnung der Kurbelwelle und des Gehäuses berechnet und demgegenüber die Axialspiele der C3-Kurbelwellenlager gestellt. Ergebnis: Sämtliche Ausdehnungen werden vom axialen Lagerspiel der C3-Rollenlager aufgenommen! Es wurde wie folgt repariert: Linkes Lager mit Loctite 648 eingeklebt, rechtes Lager durch ein offenes Zylinderrollenlager als Loslager ersetzt, hier wurde der Außenring des Zylinderrollerlagers ins Gehäuse eingeklebt.
- Lager: das rechte 6004 hatte leichte Rattermarken, wurde ausgetauscht, die anderen Lager blieben drin.
Die Kosten der Motorüberholung beliefen sich auf: ca. 300 Euro (4 Hauptposten je ca. 50 Euro (Dichtsatz, Simmerringsatz, Zylinderrollenlager und gebrauchte Zahnräder)) + Kleinteile ohne Arbeitszeit.
Die über allem schwebende Frage: Warum hat der Motor so lange halten? Jetzt kommt Wissen gepaart mit etwas Eigenlob: Den Motor immer ca. 10 km piano warmfahren (d.h. ca. 3000 U/min im 5.Gang rollen lassen, nicht hacken lassen, nicht übermäßig ziehen lassen, dann runterschalten!), danach nie untertourig fahren, also kein Hacken im Antriebsstrang, sondern Drehzahlen zwischen 3000 und 6000 U/min, d.h. volle Pulle. Das macht dem Motor nichts aus! Und zum Thema Öl: Ich habe immer das Öl verwendet, das ich gerade da hatte, zeitweise Öl für Diesel-PKW (hat nichts gekostet, es war ein 60 Liter Faß da!) oder heute das 20-W50 von Louis mineralisch. Vergesst die teuren Öle, macht nur den Händler und die Ölhersteller reicht! Aber alle 6000 km Ölwechsel mit Filter, lohnt sich!
So, der Motor läuft seit über ca. 2000 km wieder und es reicht immer noch um fast alle anderen (am liebsten 1200 GS) im Schwarzwald abzuhängen oder zumindest bei den besseren dran zu bleiben.
Gruß Henning
Der Motor an sich war in Ordnung, etwas Kolbenklappern, ca. 1/3 Liter Ölverbrauch und Vmax fast noch erreicht, aber Vmax ist vollkommen unwichtig. Was fand ich bei der Zerlegung vor und was wurde ausgetauscht, wir beginnen oben:
- Zylinderkopf: alles top, nur reinigen, nichts eingelaufen, Ventile reinigen und leicht einschleifen, mehr nicht!
- Zylinder und Kolben: im Mittel ca. 0,15 mm Spiel rundum. Verschleißmaß laut Yamaha ist 0,10 mm, aber die ist eher dem Umsatz von Yamaha geschuldet als technischer Natur. Kolbenbolzen ganz leicht eingelaufen. Wurde alles wieder eingebaut.
- Steuerkette: Der Spanner hatte noch 5 Klicks bis zur ganz ausgefahrenen Position, wieder eingebaut
- Kurbelwelle: vollkommen ok, wurde wieder eingebaut
- Ruckdämpfer der Ausgleichswelle: hier waren 2 Federn gebrochen, sie lagen unten im Motor, die Federn wurden ausgetauscht, Rest wieder einbaut
- Kupplungskorb und Beläge und Primärantrieb: alles vollkommen o.k., wurde wieder eingebaut (zur Klarstellung, das sind die ersten Kupplungsbeläge!)
- Lima: o.k., wieder eingebaut, Rotor sowieso
- Getriebe: 3. Gang total am Ende, 4. Gang auch kariös, deshalb wurden der 3. und der 4. Gang gegen gebrauchte gute Zahnräderpaare getauscht. 5. Gang (jetzt wird es spannend!) hatte nur ganz leichte Pittings, wurde wieder eingebaut. Abtriebswelle Grobverzahnung, vollkommen o.k., wurde wieder eingebaut. Schaltgabeln usw. sowieso o.k.
- Gehäuse: die beiden Hauptlager der Kurbelwelle waren zu groß, die Außenringe hatten sich gedreht. Beide Lager einkleben, das geht einige Zeit gut, soll aber nicht dauerhaft halten, mein Freund hat diese Erfahrung gemacht. Ich habe mal die Wärmedehnung der Kurbelwelle und des Gehäuses berechnet und demgegenüber die Axialspiele der C3-Kurbelwellenlager gestellt. Ergebnis: Sämtliche Ausdehnungen werden vom axialen Lagerspiel der C3-Rollenlager aufgenommen! Es wurde wie folgt repariert: Linkes Lager mit Loctite 648 eingeklebt, rechtes Lager durch ein offenes Zylinderrollenlager als Loslager ersetzt, hier wurde der Außenring des Zylinderrollerlagers ins Gehäuse eingeklebt.
- Lager: das rechte 6004 hatte leichte Rattermarken, wurde ausgetauscht, die anderen Lager blieben drin.
Die Kosten der Motorüberholung beliefen sich auf: ca. 300 Euro (4 Hauptposten je ca. 50 Euro (Dichtsatz, Simmerringsatz, Zylinderrollenlager und gebrauchte Zahnräder)) + Kleinteile ohne Arbeitszeit.
Die über allem schwebende Frage: Warum hat der Motor so lange halten? Jetzt kommt Wissen gepaart mit etwas Eigenlob: Den Motor immer ca. 10 km piano warmfahren (d.h. ca. 3000 U/min im 5.Gang rollen lassen, nicht hacken lassen, nicht übermäßig ziehen lassen, dann runterschalten!), danach nie untertourig fahren, also kein Hacken im Antriebsstrang, sondern Drehzahlen zwischen 3000 und 6000 U/min, d.h. volle Pulle. Das macht dem Motor nichts aus! Und zum Thema Öl: Ich habe immer das Öl verwendet, das ich gerade da hatte, zeitweise Öl für Diesel-PKW (hat nichts gekostet, es war ein 60 Liter Faß da!) oder heute das 20-W50 von Louis mineralisch. Vergesst die teuren Öle, macht nur den Händler und die Ölhersteller reicht! Aber alle 6000 km Ölwechsel mit Filter, lohnt sich!
So, der Motor läuft seit über ca. 2000 km wieder und es reicht immer noch um fast alle anderen (am liebsten 1200 GS) im Schwarzwald abzuhängen oder zumindest bei den besseren dran zu bleiben.
Gruß Henning